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Webmaster u.v.a.m.

Elmar Traks

Elmar Traks

Arzt 5: Das behalten wir mal im Auge

Die langjährige Augenärztin unseres Vertrauens ist vor einigen Jahren in den verdienten Ruhestand gegangen – sehr zu unserem Leidwesen, denn sie führte die nötigen Untersuchungen stets gründlich durch, verzichtete aber auf nicht indizierte (gewinnträchtige) Zusatzangebote.

 

Auch coronabedingt blieben danach Routine Check-ups erst einmal auf der Strecke. Aber nun ließ es sich nicht länger leugnen: Ich brauchte dringend eine neue Brille - meine Gläser wiesen mittlerweile deutlich sichtbare und störende Gebrauchsspuren auf – und somit eine augenärztliche Verordnung.  

Nach einigem gedanklichen Hin und Her entschied ich mich für eine große Augenarztpraxis in einem nahegelegenen Küstenort. Wobei ich mich aller-dings zugegebenermaßen eines mulmigen Gefühls nicht erwehren konnte:

Der Chef brilliert auf der umfangreichen Website seiner Clínica – die man neben einigen anderen Sprachen auch in perfektem Deutsch lesen kann -

mit diversen, offenbar prestigeträchtigen Ämtern, speziellen Zusatz-Qualifikationen sowie hohen fachlichen Auszeichnungen. Soweit so gut –

der Mann scheint eine wahre Koryphäe zu sein.

 

Außerdem bietet er Untersuchungen und Behandlungen an, für die er weg-bereitend gewesen sein soll, von denen ich zwar noch nie etwas gehört hatte, aber sie können evtl. ja durchaus sinnvoll sein.

Vor allem aber wollen sie höchstwahrscheinlich an den (Privat-) Patienten / die Patientin gebracht werden.

 

Also lautete die Devise: Dr. M. scheint gut zu sein. Aber Obacht! Lass Dich in nichts reinschnacken, von dem Du nicht überzeugt bist!

Alles begann durchaus entspannt:

Nach Aufnahme meiner persönlichen Daten an der Rezeption wurde ich auf die Minute pünktlich zum vereinbarten Termin aufgerufen – und das in Spanien!!! - und von einer netten Mitarbeiterin, die sogar ein wenig Deutsch sprach, in einen eine Etage tiefer gelegenen Untersuchungsraum geführt.

Dort erfolgten sehr gründlich die gängigen Basisuntersuchungen, deren Ergebnisse auf einer Karteikarte eingetragen wurden.

Ich stutzte: Eine nach dem neuesten Stand der Technik eingerichtete Praxis, in der man mit Terminkalender aus Papier und Karteikarten arbeitet! Befremdlich, aber mir persönlich ja durchaus sympathisch!!

 

Danach schickte mich die Dame ohne weitere Erklärungen in den 1. Stock zurück, wo man mich bat, im Wartebereich Platz zu nehmen. Ich ging davon aus, dass man an der Rezeption nun Rechnung und Brillenverordnung ausstellte.Worauf sonst sollte ich noch warten?

Doch es passierte … nichts! Andere Patienten wurden aufgerufen, aber von mir schien man keine Notiz zu nehmen. Nach 30 Minuten fragte ich an der Rezeption einmal vorsichtig nach, ob man mich evtl. vergessen habe – hätte ja sein können!

Die minimalistische Antwort: „No!“

Hm! Ich war verunsichert. Was hatte man noch mit mir vor? Die nicht eben erhellende knappe Auskunft: „Más pruebas.“ (mehr Tests). Untypisch spanisch, war man hier offenbar nicht sehr kommunikativ. Aber weiteres Nachbohren schien mir nicht erfolgversprechend, zumal die Angesprochene emsig mit dem Sortieren und Abheften von Papierkram beschäftigt war.

 

Ich spürte, wie sich ein leichter Fluchtreflex in mir aufbaute! Umso mehr, als immer wieder Männer und Frauen in OP-Kleidung hin- und herliefen und mit einem gewissen begehrlichen Interesse, wie ich fand, in meine Richtung schauten. Hatte die erste Untersucherin etwas festgestellt, das irgendwelche Maßnahmen erforderte? Was für Untersuchungen könnten noch erforderlich sein?

Sollte ich vielleicht einfach um Rechnung und Verordnung bitten und mich

aus dem Staub machen?!

Aber die Neugier siegte, und nach weiteren 15 Minuten holte mich ein junger Mann in weißem Kittel in ein winziges Sprechzimmer (ein Arzt? Das blieb bis zum Schluss unklar, denn eine Vorstellung erfolgte nicht) und bat mich, Platz zu nehmen. Auf meine Frage, ob auf dem Untersuchungsstuhl oder am Schreibtisch, kam ein „Egal, wo Sie möchten“ - ok., dann die sicherere Variante: am Schreibtisch!

Das sprachliche Angebot beschränkte sich auf Englisch und Spanisch, was in einer spanischen Praxis natürlich absolut in Ordnung ist … allerdings kam mir doch gleich wieder die u.a. in perfektem Deutsch gestaltete Website in den Sinn.

Seine Frage, weshalb ich die Praxis aufsuchen würde, irritierte mich ein

klein wenig – das hatte ich doch nicht nur bei der Terminvergabe angegeben, sondern auch vorhin bei der Anmeldung und bei der ersten Untersucherin auf deren Wunsch wiederholt. Meine Karteikarte lag auch vor ihm.

Also noch einmal alle persönlichen Daten und den Grund der Konsultation abgehandelt, bevor ich nun doch auf den Untersuchungsstuhl gebeten wurde.

Dort wurden weitere Messungen durchgeführt, deren Sinn sich mir nicht komplett erschloss. Aber das hatte wohl auch sprachliche Gründe, und solange es nicht invasiv wurde … Elementar und für mich sehr interessant war allerdings das Abbilden der Augeninnenräume - wann kann man sich schon mal selbst ganz tief in die Augen schauen!? Der junge Mann freute sich erkennbar über mein Interesse und erklärte mir die Strukturen ausführlich und verständlich.

 

Das Gerät war hochauflösend, daher hätte es mich sehr verwundert, wenn man keine (auch altersbedingten) Abweichungen von der Norm gefunden hätte.

Und tatsächlich: Es wurde in jedem Auge ein kleiner Katarakt festgestellt. Nein, nein, kein Grund zur Sorge, die würden mein Sehen ja nicht beein-trächtigen, seien wirklich nur winzig und nicht (be-) handlungsrelevant –

es sei denn, ich wolle künftig auf die Brille verzichten [Nein, das ist nicht

der Fall]. Ansonsten sei alles prima!

Gut! Auch diese Etappe geschafft! Diesmal wurde ich zur Rezeption begleitet … und erneut gebeten, im Wartebereich Platz zu nehmen.

 Wieso, weshalb, warum? Wahrscheinlich um Kraft für das Highlight zu schöpfen – die Audienz beim Meister höchstselbst: 

Dr. M., ein älterer, kleiner, trotz Bauchansatz drahtiger Mann in grüner OP-Kluft, Kopfhaube und Einmalhandschuhen (mein Fluchtreflex nahm bedenk-liche Formen an!), sprang bei meinem Eintreten von seinem mit royalen Bildern geschmückten Schreibtisch auf, eilte mit ausgestrecktem Arm zu mir, ergriff mit Verve meine rechte Hand, führte sie mit seiner plastikbehand-schuhten in Richtung seiner Lippen und begrüßte mich überschwänglich mit: „Enchanté Madame!“

Hmpf!?! Dies war einer der wenigen Augenblicke, von dem viele nur träumen können: Man erlebte mich sprachlos!!! [Hiiiilfe! Er will doch hoffentlich nicht auf Französisch mit mir parlieren!?] Schließlich presste ich ein doch ver-gleichsweise bäurisch klingendes schlichtes „Buenos días“ heraus.

 

Nicht nur wegen seines OP-Outfits und seines offensichtlichen Tatendrangs machte er mich zunehmend nervös, sondern auch, weil er ständig mit den Füßen in tänzelnder Bewegung war, so als ob er gleich eine Stepp- oder Salsa-Performance hinlegen würde.

 

Furios ging´s weiter (fortan auf Spanisch): „Wir haben hier jetzt 3 Schritte vor uns:

1. (Arm gestreckt, Daumen hoch): Untersuchungen

[Himmel! Welche denn nun noch???]

2. (Zeigefinger dazu): Ich erkläre Ihnen die Ergebnisse, wie ich sie

meiner Tochter erklären würde

[kurzes sprachliches In-mich-Gehen, ob ich das mit der Tochter richtig verstanden hatte - ähäm, jaaa, okay]

3. (Mittelfinger dazu und alle 3 Finger mit der anderen Hand umfasst):

Sie können Fragen stellen.“

Schicksal nimm deinen Lauf!!

Für die erste Untersuchung musste ich die Augen schließen, Dr. M. hielt irgendetwas auf meine Lider und rief fortlaufend sehr engagiert große Zahlen in meine Richtung. Ich assoziierte: Hamburger Fischmarkt oder Auktion bei Christie's.

Es erfolgten noch weitere Checks, die ich schicksalsergeben über mich ergehen ließ, bevor es zur Auswertung an einen beeindruckend großen Bildschirm ging:

Mein Hornhautepithel sei in Ordnung, wenngleich in meinem Alter eine Zelldichte von 2500 Zellen pro mm² die Norm sei und ich nur 2497 hätte,

aber das mache nichts. [Na Gott sei Dank! Mir fehlen nur 3 Zellen pro mm² – könnte schlimmer sein].

Anmerkung nach Internet-Recherche: Die genannte Dichte von 2500 Zellen bezieht sich auf ein Alter von 60 Lebensjahren, danach nimmt sie kontinuier-lich ein wenig ab – mein Wert mit fast 67 Jahren ist also bestens!

 

ABER: Mein Augeninneres!!! In beiden Augen ein Katarakt – hm,hm, hm,

das müssen wir aber weiter beobachten und in regelmäßigen Abständen kontrollieren. Aber wenn ich auf die Brille verzichten wolle … [Nein, nein!

Das behalten wir lieber mal im Auge!]

Gut, dass der Kollege schon Entwarnung gegeben hatte.

Irgendwie fehlten mir in dem Zusammenhang die Frage, ob ich denn mit dem Sehen Probleme hätte (wobei das ja auch aus der Dokumentation auf der Karteikarte hervorgehen sollte), und der Hinweis, dass die bisherigen Unter-suchungsergebnisse keine Verschlechterung des Sehens gegenüber der letzten Kontrolle vor einigen Jahren (die Ergebnisse hatte ich mit) ergeben hätten.

 

Außerdem gefielen Dr. M. irgendwelche weißen Punkte gar nicht; er meinte, es seien Ablagerungen im Augeninneren. Da müsse er unbedingt eine Probe entnehmen (das Wort Biopsie wurde umschifft), um genauer zu untersuchen, um was es sich handle.

Frage meinerseits: Was er aufgrund seiner Erfahrung vermute? Das könne er nicht sagen, deshalb sei eine Probenentnahme ja so wichtig [aha! Daher also schon das OP-Outfit! Ich.Will.Hier. Raus! Sofort!]. Das gehe auch ganz komfortabel für mich: Anästhesie-Spritze in die Ellenbeuge und dann weiter mit Laser. Er sei sehr gut darin, habe das schon sehr oft gemacht [Letzteres glaube ich sofort! Und trotzdem keine Idee, um was es sich handeln könnte???]. Fragend-investigativer Blick zu mir mit dem Subtext: „Wollen wir gleich loslegen?“.

Meiner entschiedenen Antwort: „Aber nicht mehr heute!“ folgte ein: „Wann immer es Ihnen passt! Warten Sie nicht so lange!“

 

Auf Teil 3 (Fragen meinerseits) verzichtete ich dann – mein Fluchtreflex ließ sich nun endgültig nicht mehr rational besänftigen, drängte mit Macht hinaus.

Also schweißgebadet zur Rezeption: Nun tatsächlich zwecks Bezahlung und Erhalt der Brillenverordnung. Die Rechnung war unerwarteterweise ausge-sprochen moderat. Vielleicht dient der Erstbesuch ja als Akquise? Denn eine andere Patientin fiel aus allen Wolken, weil sie 600 € bezahlen musste – ob das angemessen war, kann ich in Unkenntnis der erfolgten Untersuchung natürlich nicht beurteilen, sah nur ihren fassungslosen Unglauben und den ihrer Begleitung.

 

Nun aber nichts wie raus hier! Aber halt nein, die Rezeptionistin bremste meinen Freiheitsdrang, hatte ihr Terminbuch vor sich liegen, denn wir mussten doch noch einen Kontrolltermin für 3 Monate später ausmachen – aber nur ihrer Meinung nach, denn ratet selbst, ob es dazu kommen wird.

 

Fazit: Diese Clínica ist nichts für sensible Gemüter!

 

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