_______________________

 

Webmaster u.v.a.m.

Elmar Traks

Elmar Traks

Thiesler, Sabine – Nachtprinzessin (2011)

Der homosexuelle Matthias von Steinfeld ist attraktiv, charmant, hat hervorragende Umgangsformen und liebt das luxuriöse Leben. Er verdient sein Geld als Immobilienmakler und lebt in einem Haus mit seiner früh verwitweten Mutter, die er abgöttisch liebt - wenngleich sich dies bei seinem Monologisieren angesichts ihres Todes nicht so anhört, aber das ist nur eine von vielen Ungereimtheiten dieses Buches. Als sie einen schweren Schlaganfall erleidet und der Tod zu befürchten ist, gerät Matthias' Psyche völlig aus dem Gleichgewicht.

Er lebt verstärkt seine homoerotischen Neigungen aus, flieht vor seiner Verantwortung nach Italien und pendelt – falls nötig - zwischen der Toscana und Berlin. An beiden Schauplätzen gibt es Tote; allerdings ist der Klappentext des Buches eine gewaltige Mogelpackung:

„Eine Mordserie versetzt Berlin in Angst und Schrecken. Ein perfider Mörder, der sich selbst als 'Prinzessin' bezeichnet, sucht sich seine Opfer auf den nächtlichen Straßen und erdrosselt sie beim Liebesspiel.“ Denn:

Die ersten beiden Morde geschehen spät und mit großem Kapitel-Abstand. Die Handlung wirkt dabei konstruiert und auf Krampf eingeschoben. Offensichtlich hatte die Autorin beide Male das Gefühl, ihre nette Familiengeschichte endlich einmal unterbrechen zu müssen, da schließlich ein Krimi – nein: Thriller! - versprochen war. Der dritte – und letzte Berliner – Mord steht zumindest in einem von etwas längerer Hand aufgebauten Kontext, jedoch kommt das Opfer nicht von der Straße. Aber diese Taten versetzen Berlin mitnichten in Angst und Schrecken – jedenfalls wird darüber kein Wort verloren! Und die Polizei bricht auch keineswegs in Stress aus, lässt es eher geruhsam angehen, ähnlich wie später die italienischen Kollegen. Von der Ermittlungsarbeit erfährt man nur ein Minimum, dafür umso mehr über die Probleme der ermittelnden Kommissarin mit ihrer 17-jährigen Tochter.

Selten habe ich ein derart langweiliges Buch gelesen – die Autorin (oder / und ihr Lektorat) sollten sich einmal schlau machen, wie ein „Thriller“ definiert ist: Es fehlt jegliche Spannung, alles, aber auch wirklich alles, ist vorhersehbar, langatmig geschildert, und der Täter steht buchstäblich von der ersten Seite an fest.

Einige Personen und deren Aktivitäten sind scheinbar nur erfunden worden, um Seiten zu füllen, sogar der Prolog taucht wortgetreu im Buchinneren noch einmal auf. Dadurch wirkt der Inhalt aus vielen Puzzle-Teilchen zusammengestoppelt, die aber alle nicht so recht ineinander passen wollen und daher kein harmonisches Ganzes ergeben.

Auch wer auf Grund des Titels noch eine Überraschung erwartet, wird enttäuscht.

Widerlich, absolut unrealistisch verallgemeinernd und in dieser Form überflüssig sind die ekelerregenden Beschreibungen der katastrophalen Zustände in den Küchen diverser Berliner Nobel-Restaurants respektive Hotels. Dies ist schon schädigend für das Ansehen eines ganzen Berufszweigs, und ich hoffe, dass die entsprechende Gewerkschaft diesbezüglich interveniert.

Keinesfalls handelt es sich bei diesem Werk um einen Thriller, bestenfalls (!) um einen schwachen Krimi, eher würde ich es als stark klischeehafte Familiengeschichte bezeichnen.

 

Resümee: Selten habe ich mich so durch ein Buch gequält – immer in der Hoffnung auf einen Clou, der leider ausblieb. Hier trifft wieder einmal der Fall zu, dass die Werke eines Autors / einer Autorin von Mal zu Mal schlechter werden, bis sie unterirdisches Niveau erzielen:

Der Kindersammler (2006) und Hexenkind (2007) habe ich verschlungen. Die Totengräberin (2009) und Der Menschenräuber (2010) fand ich schon deutlich schlechter. Nach dem vorliegenden Buch wage ich mir gar nicht auszumalen, wie oder ob sich der Abwärtstrend noch fortsetzen wird.

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Joachim (Sonntag, 03 März 2013 21:39)

    Hallo Annette,

    Nach Ihrem Thread mit dem Inhalt "Selten habe ich ein derart langweiliges Buch gelesen " nur ein Kommentar! Was haben Sie an der wirklich faszinierenden Geschichte eines so wunderbar beschriebenen Narzissten nicht verstanden. Es ist nicht nur ein Krimmi, um es mit den Worten einer anderen treffenderen Rezession wiederzugeben "Auch in diesem Thriller hat sie es geschafft, die Psyche der Hauptperson so gut zu beschreiben, dass man schnell das Gefühl bekommt, sie zu kennen, ein Teil ihrer Gedanken zu sein und vor allem: sie zu verstehen. Man beginnt, die Taten scheinbar als logische Schlussfolgerung zu empfinden, wenn man nach und nach Dinge aus der Vergangenheit der Person kennenlernt. Man empfindet teilweise Mitleid mit ihr und weiß doch ganz genau, dass so ein Gefühl in einem Mordfall einfach falsch angebracht ist."

    Das soll heißen, man erschrickt vor sich selbst.

    Ciao Annette

    PS: lebe Gefühle