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Elmar Traks

Elmar Traks

Munro, Alice – Tricks: Acht Erzählungen (2008)

(Titel der englischen Orignalausgabe: Runaway,

benannt nach der 1. Kurzgeschichte „Ausreißer“)

 

Da ich unten den Inhalt der einzelnen Texte angegeben habe, wäre es bis zum Fazit ein langer „Weg“. Daher stelle ich das

Resümee voran:

Das Gesamt-Werk der 1931 geborenen kanadischen Schriftstellerin

und diesjährigen Literatur-Nobelpreis-Trägerin besteht aus über 150 Geschichten, zusammengefasst in 14 Bänden.

Bei den vorliegenden handelt es sich um sehr dichte, detailreiche Erzäh- lungen über Personen – vor allem Mädchen und Frauen - , deren Leben irgendwann eine entscheidende Wende erfahren hat.

Es geht um Schicksale, die verbunden sind mit enttäuschten Erwartungen, unerfüllten Träumen und Sehnsüchten, aber auch mit Selbstbetrug und Illusionen.

Dabei erzählt Alice Munro „einfach“ Lebensgeschichten, ohne zu kom- mentieren, zu gewichten oder zu moralisieren. Eine Charakterisierung

der Personen erfolgt ausschließlich durch die Art ihres (Nicht-) Handelns

und Redens. Muro setzt wohltuend auf den mündigen Leser.

Bei der Darstellung der jeweiligen Schicksale gelangt sie in zielgerichteten Windungen (aber ohne Schnörkel) vom Großen zum Detail, zum eigentlichen Kern. Es ist so, als würde sie Schicht um Schicht eines Lebens abtragen, um das Elementare und sorgsam Verborgene für die Betrachtung des Lesers offenzulegen.

Dass dieser nicht weiß, was das sein wird, macht die Erzählungen spannend und u.a. ihre Faszination aus. 

 

Ausreißer

Carla und ihr Mann Clark betreiben einen mehr schlecht als recht laufenden Reiterhof, auf dem auch die weiße Ziege Flora ein Zuhause hat. Als sie eines Tages verschwunden ist und nicht wieder auftaucht, vermisst Carla sie sehr. Außerdem erträgt sie ihren Mann nur noch schwer, denn sie hat ständig das Gefühl, dass sie ihm nichts recht machen kann und er sie nur noch verach- tet. Sie weiß nicht, was sie tun soll, denn verlassen kann sie ihn aus Geld- mangel nicht. Doch Nachbarin Sylvia hilft ihr – allerdings endet die Flucht nicht wie geplant.

Entscheidung

Die 21-jährige Juliet hat bereits ihren M.A. in Altphilologie, arbeitet an ihrer Doktorarbeit und hat gerne das Angebot angenommen, eine Zeit lang als Aushilfslehrerin in Vancouver zu unterrichten.

Auf der langen Zugfahrt dorthin erteilt sie einem aufdringlichen älteren Mann, der Anschluss sucht, eine Abfuhr und verlässt ihr gemeinsames Abteil. Kurz darauf nutzt er einen Halt, um den Zug zu verlassen und sich unbemerkt in einer Kurve auf die Schienen zu legen – er stirbt. Juliet plagen Schuldgefühle, die ihr der Mitreisende Krabbenfischer Eric jedoch nehmen kann. Er erzählt ihr von seiner seit 8 Jahren gelähmten Frau, sie betrachten zusammen den Sternenhimmel, unterhalten sich angeregt und kommen sich menschlich näher. - Nach Ende ihrer Vertretungstätigkeit macht Juliet unan- gekündigt einen Abstecher zu Eric, dessen Frau gerade einen Tag zuvor beerdigt wurde. Er selbst ist nicht zu Hause, stattdessen wird sie von einer Nachbarin, die das Haus aufräumt, empfangen …

Bald

Juliet ist bei Eric geblieben, sie haben eine Tochter bekommen und leben ohne Trauschein zusammen. Als sie mit der 13 Monate alten Penelope ihre Eltern besucht, sieht sie sich bzgl. ihrer Lebenssituation mit Kleingeistigkeit und Vorurteilen der Bewohner ihres Heimatortes konfrontiert, unter denen auch Vater und Mutter zu leiden hatten und haben. Deren Lebensumstände und Miteinander hat sich gravierend verändert, und der Leser spürt förmlich den Schmerz hinter der schwer zu durchbrechenden Fassade aller Beteilig- ten, deren gemeinsamer Bezugspunkt Juliet ist. Auch in ihr findet im Laufe der Zeit ein Bewusstseinswandel statt …

Schweigen

Während Juliet bei ihren Eltern weilte, ist Ehemann Eric fremdgegangen. Durch eine Indiskretion erfährt sie davon und verzeiht es ihm zukünftig nicht mehr. Als Tochter Penelope 13 Jahre alt ist, kommt Eric bei einem Unwetter auf See ums Leben. Juliet zieht fort, arbeitet für einen Fernsehsender und hat ein paar wenige Affären. - Penelope nimmt sich im Alter von 20 Jahren eine Auszeit in einem spirituellen Zentrum, wo ihre Mutter sie nach einem halben Jahr besuchen will. Doch sie erfährt, dass die junge Frau fortge- gangen sei, eine Kontaktadresse wird ihr nicht mitgeteilt. - Nach 5 Jahren des vergeblichen Wartens auf ein Lebenszeichen, wechselt Juliet erneut

den Wohnort, nimmt ihr Studium der Altphilologie wieder auf, beginnt Be- ziehungen, führt aber ansonsten ein zurückgezogenes Leben. - Zufällig

trifft sie nach etlichen Jahren eine Jugendfreundin ihrer Tochter, die ihr

von 5 Kindern Penelopes berichtet. Trotz aller Unwahrscheinlichkeit hofft Juliet weiterhin auf eine Kontaktaufnahme.

Leidenschaft

Als die 20-jährige Grace als Aushilfskellnerin in einer Gegend arbeitet, wo die Familie Travers während der Sommermonate ein Ferienhaus bewohnt, lernt sie deren Sohn Maury kennen. Beide freunden sich an und Grace wird nett von seinen Eltern, besonders von der Mutter, aufgenommen. Irgend- wann schmiedet Maury Heirats- und gemeinsame Zukunftspläne, obwohl noch keine „wohltuenden körperlichen Annäherungen“ erfolgt sind. Als Grace ein wenig Zeit allein mit Neil, ebenfalls einem Sohn der Travers, ver- bringt, erkennt sie, dass eine Heirat mit dessen Bruder Verrat an sich selbst wäre.

Verfehlungen

Harry, seine Frau Eileen und die für ihr Alter sehr reife 10-jährige Tochter Lauren sind in eine Kleinstadt gezogen. Eines Tages vertraut ihr der Vater an, dass eine kleine Schwester als Baby bei einem Autounfall ums Leben gekommen, die Mutter zu dem Zeitpunkt bereits mit Lauren schwanger gewesen sei. Diese lernt in einem Coffee-Shop die wesentlich ältere An- gestellte Delphine kennen, die alles daran setzt, sich mit dem Mädchen anzufreunden. Und eines Tages erzählt sie ihr eine Geschichte, die Lauren tief erschüttert.

Tricks

I. Teil:

Die 26-jährige Krankenschwester Robin lebt mit ihrer kranken Schwester Joanne zusammen, die sie pflegt. Einzige Abwechslung sind gelegentliche Ausflüge per Bahn nach Stratford zu Shakespeare-Theateraufführungen.

Als sie dort einmal verzweifelt auf einer Bank sitzt, weil sie ihre Handtasche verloren hat, lernt sie Danilo kennen. Beide verbringen einen wunder- schönen Abend miteinander, können sich aber erst in einem Jahr erneut treffen, da er demnächst wieder in seine Heimat Montenegro muss. - Während dieser langen Wartezeit ist Robin gedanklich immer bei Danilo; doch als sie dann endlich wie verabredet vor seiner Tür steht, schlägt er

ihr diese wortlos vor der Nase zu.

 

II. Teil:

Joanne ist vor 18 Jahren gestorben und Robin fortgezogen; in einem Krankenhaus hat sie eine Stelle in der Psychiatrie angenommen. Dorthin wird eines Tages Danilos Zwillingsbruder verlegt, und Robin findet Dinge heraus, die die Sehnsucht nach einem Leben in ihr wecken, das ihr durch einen Streich des Schicksals nicht vergönnt war.

Kräfte

Gönne Dante eine Pause

In Tagebuch-Einträgen schildert Nancy u.a., dass die Mitglieder ihres Lese- clubs „Die göttliche Komödie“ von Dante Alighieri als Lektüre ausgewählt haben. Der Gruppe gehört auch der 30-jährige - und damit um einiges ältere – Arzt Wilf an. Als er sie eines Tages zu einem Ausflug abholt, muss die Lek- türe warten. Er macht Nancy einen Heiratsantrag, den diese annimmt. - Mitten in den Hochzeitsvorbereitungen lernt sie Ollie, den zu Besuch weilen- den Vetter ihres zukünftigen Mannes, kennen.

 

Das Mädchen in der Matrosenbluse …

… ist Tessa, Nancy's langjährige Schulfreundin, die besondere Fähigkeiten besitzt. Nancy macht sie mit Olli bekannt, der von ihr sehr angetan ist.

Nach diesem aus Sicht der Autorin erzählten Abschnitt folgt ein Briefwechsel, in dem die mittlerweile verheiratete und schwangere Nancy Ollie vorwirft, mit einem Bericht über Tessas Fähigkeiten nur an seinen schriftstellerischen Ruhm zu gedacht zu haben.

Er rechtfertigt sein Tun in einer schriftlichen Antwort.

Auch Tessa erhält einen Brief von der Schulfreundin, die sie vor Ollie warnt.

Die Antwort kann ihr nicht gefallen …

 

Ein Loch im Kopf

40 Jahre später - Nancy hat mittlerweile drei erwachsene Kinder, aber ansonsten ist ihre Welt aus dem Lot geraten: Sie pflegt ihren Mann Wilf,

der geistig verwirrt ist, zu Hause. Freundin Tessa ist in einem Pflegeheim – sie hatte lange Zeit „ein Loch im Kopf“. Bei einem Besuch berichtet sie Nancy, dass Ollie tot sei, da er sie sonst mit Sicherheit nach Hause geholt hätte.

 

Ein Quadrat, ein Kreis, ein Stern

Wilf ist vor einem Jahr gestorben, Nancy hat gerade eine Kreuzfahrt gemacht und hält sich nun vor der Heimkehr nach Hause für zwei Nächte in Vancouver auf. Dort trifft sie auf der Straße zufällig Ollie, zu dem sie seit dem Briefwech- sel nach ihrer Hochzeit keinen Kontakt mehr hatte. Er lebt jetzt „alternativ“ und erzählt Nancy von seinem meist aufregenden Tournee-Leben mit Tessa, die, so sagt er, gestorben sei.

 

Fliegen auf dem Fensterbrett

Es stellt sich heraus, dass Tessa und Ollie in Wirklichkeit nie ein

so schillerndes Leben geführt haben, wie Ollie es berichtet hat...

Und dann verschwimmen die Konturen....

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