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Elmar Traks

Elmar Traks

Legasthenie

Als Deutschlehrerin mit über 30-jähriger Berufserfahrung und der Zusatz-befähigung zur Therapie von Legasthenikern musste ich hier in den deutsch-sprachigen Zeitungen wiederholt Artikel und Anzeigen einer Diplom-Psychologin lesen. In diesen stellt sie Ursachen, Diagnostik und Therapie der Teilleistungsschwäche Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Schwäche) so verkürzt und  einseitig dar, dass ein völlig falsches Bild entsteht.  Dies gilt auch für die teure Lösung, die sie als „Legasthenie-Rettungsbox“ vermarktet.

Daher, und weil das Thema Legasthenie natürlich auch außerhalb Spaniens aktuell ist, möchte ich sehr kurz gefasst wichtige, für eine sinn-volle Therapie unbedingt notwendige Informationen zu diesem komplexen Thema geben und auf effektive, kostenlose Therapie-Möglichkeiten hin-weisen.

 

I. Die Ursache ist nicht auf eine genetisch bedingte Hörwahrnehmungs-störung zu reduzieren, wie besagte Psychologin verlauten lässt, sondern weitere Gründe können ebenso häufig sein:

  1. Neurologische Störungen: die am Hörverstehen und / oder der visuellen Aufnahme von Sprache beteiligten Hirngebiete sind nicht ausreichend miteinander „vernetzt“, sodass die Hör- und Seh-Informationen nicht oder nur unvollkommen weitergeleitet werden.
  2. Allgemeine Wahrnehmungsstörungen in Bezug auf das Hören und / oder Sehen: Hier kann z.B. eine ungenaue Augensteuerung vorliegen, sodass einzelne Wörter oder Buchstaben nicht fokussiert werden können, der Blick zu benachbarten Lettern „abschweift“.
  3. Sprachverzögerung: Legastheniker haben oft mit 2 Jahren einen deutlich geringeren Wortschatz als Nicht-Legasteniker (Achtung: Nicht alle Kinder mit geringem Wortschatz werden Legastheniker).
  4. Mangelnde Fähigkeit, sprachliche Informationen aufzunehmen, zu verarbeiten, zu speichern und wieder abzurufen. Hierzu gehört auch, dass Wortstrukturen nicht erkannt werden (z. B. wo fängt ein Wort an, wo hört es auf, enthält es bestimmte Laute oder Silben, gibt es Reimwörter?)
  5. Die häusliche Situation, die sich u. a. auf ein ruhiges Lernklima auswirkt und Konzentration ermöglicht. Wird auf Leseförderung statt auf (zu) hohen Fernsehkonsum geachtet?

 

II. Bei Verdacht auf Legasthenie müssen die ersten beiden Diagnose-Schritte sein:

  1. Ausschluss organischer Ursachen (Augen und Ohren) durch Fachärzte.
  2. Bestehen Lernbeeinträchtigungen durch psychische Belastungen (z.B. Trennung der Eltern, zu hoher Leistungsdruck)?

 Können diese Punkte ausgeschlossen werden, müssen folgende Tests durchgeführt werden:

  1. standardisierter Leistungstest, um ein allgemeines Leistungsprofil zu erstellen,
  2. Lese-Rechtschreib-Test, um den Verdacht dieser Teilleistungsschwäche zu bestätigen,
  3. Intelligenztest: Der Intelligenzquotient von Legasthenikern ist i. A. im Vergleich zum Altersdurchschnitt deutlich erhöht.

 

III. Die Therapie sollte einerseits gezielt auf die diagnostizierte Haupt-Ursache (siehe I.) abstellen, andererseits möglichst umfassend sein, da es sich vielfach um ein „Ursachenbündel“ handelt.

 

  1. Präventive Maßnahmen können bereits in der Vorschulzeit ansetzen und Punkt 4. bzw. 5. unter „Ursachen“ entgegenwirken.
  2. Den größten Therapie-Erfolg erzielt man im 1. und 2. Grundschuljahr. Wobei das Problem hier aber die rechtzeitige Diagnose ist, u.a. deshalb, weil Diktate meist geübt, der Text von Legasthenikern oft als Bild „abfotografiert“ wird (ohne dass der Schüler versteht, um was für Buchstaben und / oder Laute es sich handelt).
  3. Generell sollte eine effektive Therapie folgende Elemente enthalten:

            a) Abbau von Versagensängsten, stattdessen Motivation

            b) Konzentrations-, Entspannungs- und Gedächtnisübungen 

 - hier bieten sich außer geeigneter Musik z. B. auch das Memory- oder „Ich packe meinen Koffer“-Spiel an

            c) Verbesserung der Raum-Lage-Stabilität und motorische

Übungen (z.B. auf einer Linie gehen, mit geschlossenen Augen geradeaus zu gehen versuchen, die Fingerspritze an die Nase führen usw.)

            d) Blicktraining, hier kann z.B. ein bestimmter Punkt oder

Objekt fokussiert werden, optische Täuschungen können zum Einsatz kommen etc.

            e) Entwicklung von speziell auf das Kind zugeschnittenen

Lernstrategien

            f) möglichst alle Sinne fördern, vor allem Sehen, Hören,

Fühlen. Hier kann man dem Kind  die Augen verbinden, ein bestimmtes Geräusch provozieren (z.B. Fallen lassen eines Kulis), und das Kind muss erraten, was dieses Geräusch verursacht hat. Oder man gibt verschiedene Dinge in eine Tüte, das Kind muss sie ertasten und benennen. In einem Text sind bestimmte Buchstaben oder -kombinationen farbig zu unterstreichen, herauszuhören)

            g) Förderung der sprachlichen Fähigkeiten (Hörbücher,

Vorlesen, Frage-Antwort-Spiele …)

            h) Es gibt bereits spezielle Computer-Programme, die die

Abstände zwischen Buchstaben und Wörtern in vorgegebenen Texten vergrößern, sodass die einzelne Letter besser fokusiert, die Wortgrenze besser erkannt werden kann (siehe Ursache 3.)

 

Wie ich vielleicht bereits durch die sehr wenigen angeführten Beispiele deutlich machen konnte, gibt es für jede Legasthenie-Ursache vielfältige kostenlose und mit einfachsten Bordmitteln zu erstellende Übungen.

Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt – und das Internet bietet ebenfalls ein paar sehr gute Seiten mit hervorragenden – da effizienten – kostenlosen Übungen. Einfach ’mal den Begriff „Legasthenie“ googeln!

 

Das käuflich zu erwerbende „Rettungspaket“ der Psychologin, die sie auch über Spaniens Grenzen hinaus vermarktet, deckt höchstens einen winzigen Teilbereich von Ursachen und Therapie-Möglichkeiten ab. Die propagierten Erfolge (für die Käufer!) allein auf Grund dieser Methode halte ich gemäß meiner professionellen Erfahrung für maßlos übertrieben!

 

© Annette Traks